Wer bezahlt die 225 Milliarden?
Eine Einführung in die Saldenmechanik, angewandt auf einen Konsolidierungsvorschlag von Clemens Fuest
Clemens Fuest hat Ende Juli in der Frankfurter Allgemeinen für ein Sanierungsprogramm der deutschen Staatsfinanzen geworben. Die Größenordnung übernimmt er aus einer Studie des Internationalen Währungsfonds. In deren Modellrechnung müsste sich der konjunkturbereinigte Primärsaldo des Staates bis zum Ende des Anpassungszeitraums um fünf Prozentpunkte des Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Ausgangspfad verbessern, damit die Schuldenquote bis 2040 unter der Marke von neunzig Prozent bliebe. Das entspricht rund 225 Milliarden Euro, etwa einem Zehntel der gesamten Staatsausgaben. Die Studie selbst nennt die 90-Prozent-Marke eine Annahme für ein illustratives Szenario und ausdrücklich keine Politikempfehlung, und sie führt Deutschland als Land an, das darüber hinaus Spielraum für Infrastrukturinvestitionen haben könnte. Bei Fuest wird daraus gleichwohl ein zwingender Konsolidierungsbedarf.
Zur Veranschaulichung dient ein Szenario des ifo-Instituts, in dem alle Finanzhilfen des Bundes um sechzig Prozent gekürzt und die Rentenanpassungen dauerhaft auf den Inflationsausgleich beschränkt werden, eingeführt schrittweise über vier Jahre. Nach der von Fuest wiedergegebenen Rechnung sinkt dadurch die gesamtstaatliche Neuverschuldung bis 2030 um rund 32 Milliarden Euro jährlich. Erst mit der zusätzlichen Forderung, Länder und Gemeinden müssten einen gleich hohen, nicht näher bestimmten Beitrag leisten, kommt Fuest auf 64 Milliarden Euro, rund ein Viertel des Bedarfs. Den Rest müsse ein Programm aufbringen, das deutlich länger als vier Jahre wirkt.
Der Beitrag ist in wichtigen Punkten zurückhaltend. Fuest verallgemeinert die These von der expansiven Sparpolitik nicht, er nennt die kurzfristig dämpfende Wirkung von Ausgabenkürzungen, er hält Kürzungen bei den öffentlichen Investitionen für längerfristig wachstumsschädlich. Den Abbau ungerechtfertigter Steuervergünstigungen zählt er zu den legitimen Instrumenten. Die Auswahl der Maßnahmen und die Verteilung der Lasten überlässt er ausdrücklich der Politik; das ifo-Szenario führt er als Beispiel an, nicht als Empfehlung.
Eine Frage bleibt unbeantwortet. Wenn sich der Finanzierungssaldo des Staates verbessert, verschlechtern sich die Salden anderer Sektoren um denselben Betrag. Das ist eine Eigenschaft der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung und hängt an keiner wirtschaftspolitischen Überzeugung. Drei Sektoren kommen dafür in Frage. Über keinen von ihnen sagt der Beitrag etwas.
Auf einen kurzen Kommentar dazu kamen mehrere Nachfragen zur Saldenmechanik. Deshalb dieser Text. Wer die Mechanik kennt, kann den ersten Teil überspringen.
Jede Ausgabe ist eine Einnahme
Der Ausgangspunkt ist banal und trotzdem folgenreich. Wenn ich hundert Euro ausgebe, nimmt jemand anderes hundert Euro ein. Es gibt keine Ausgabe ohne korrespondierende Einnahme, weil das Geld den Besitzer wechselt, statt zu verschwinden. Das gilt für jede einzelne Transaktion und deshalb auch für die Summe aller Transaktionen einer Periode.
Das ist der Ausgangspunkt der Saldenrechnung. Wer in einer Periode mehr einnimmt als ausgibt, erzielt einen Überschuss und baut Forderungen auf oder Verbindlichkeiten ab. Wer mehr ausgibt als einnimmt, hat ein Defizit und muss sich verschulden oder Vermögen abbauen.
Ein Beispiel mit zwei Beteiligten. Ein Bäcker kauft beim Müller Mehl für hundert Euro. Der Müller kauft beim Bäcker Brot für achtzig Euro. Der Bäcker hat achtzig eingenommen und hundert ausgegeben, sein Zahlungssaldo aus diesen beiden Geschäften ist minus zwanzig. Der Müller hat hundert eingenommen und achtzig ausgegeben, seiner ist plus zwanzig. Zusammen null. Anders kann das Beispiel nicht ausgehen, einerlei, welche Beträge man einsetzt.
Ein Punkt an diesem Beispiel wird später entscheidend. Ein Saldo verschlechtert sich auf zwei Wegen. Entweder gibt jemand mehr aus, oder er nimmt weniger ein. Für die Buchführung ist das Ergebnis identisch. Für die Betroffenen liegt dazwischen der Unterschied zwischen einer Investition und einem Umsatzverlust.
Das Beispiel zeigt die Gegenbuchung, noch nicht den vollständigen Finanzierungssaldo. Die Einnahmen-Ausgaben-Sprache ist eine Veranschaulichung und keine Definition. In der Gesamtrechnung ergibt sich der Finanzierungssaldo eines Sektors aus seinem Sparen zuzüglich der empfangenen Vermögensübertragungen und abzüglich seiner Sachvermögensbildung. Der Kauf eines bereits vorhandenen Vermögensgegenstands verändert den Saldo also nicht, ebenso wenig die Aufnahme oder Tilgung eines Kredits für sich genommen.
Nun ersetzen wir die beiden Personen durch Gruppen. Fasst man alle Wirtschaftssubjekte zu Sektoren zusammen, üblicherweise private Haushalte, Unternehmen, Staat und Ausland, ergeben deren Finanzierungssalden zusammengerechnet null. Immer. In jedem Land und in jedem Jahr, gleichgültig, wie die Konjunktur läuft und welche Politik verfolgt wird.
Der Satz, um den es geht, lautet also: Ein Sektor kann nur dann mehr einnehmen als ausgeben, wenn mindestens ein anderer Sektor mehr ausgibt als einnimmt. Überschüsse und Defizite entstehen paarweise. Sie sind zwei Beschreibungen desselben Vorgangs.
Innerhalb eines Sektors verrechnen sich die Salden. Dass die privaten Haushalte in Deutschland insgesamt einen Überschuss ausweisen, heißt nicht, dass jeder Haushalt spart. Es gibt hoch verschuldete und vermögende Haushalte, und der Sektorensaldo ist das, was von beidem übrig bleibt.
Der Fehlschluss der schwäbischen Hausfrau
Angela Merkel hat 2008 die schwäbische Hausfrau in die deutsche Finanzdebatte eingeführt, und sie ist seither nicht wieder herausgekommen. Man könne, sagte sie sinngemäß, die Weisheit dieser Hausfrau hinzuziehen: Auf Dauer lebe niemand über seine Verhältnisse.
Für die einzelne Hausfrau stimmt das. Wenn sie ihre Ausgaben senkt, steigt ihr Saldo, und ihr Vermögen wächst. Der Sprung von hier zur Volkswirtschaft ist trotzdem falsch, und zwar aus einem präzise angebbaren Grund. Ihre Ersparnis funktioniert, weil ihre Ausgaben die Einnahmen anderer sind und diese anderen nicht mitsparen. Sie kauft weniger beim Bäcker. Gegenüber dem bisherigen Verlauf behält sie Geld, das dem Bäcker als Einnahme fehlt. Zunächst verbessert sich ihr Zahlungssaldo um genau den Betrag, um den sich der seine verschlechtert. Wie sich daraus die endgültigen Finanzierungssalden entwickeln, hängt von den weiteren Reaktionen ab.
Versuchen alle Sektoren gleichzeitig, ihre Salden durch Ausgabenkürzungen zu verbessern, geht die Rechnung nicht mehr auf. Jeder senkt seine Ausgaben, also sinken auch die Einnahmen aller. Ökonomen nennen das den Fehlschluss der Verallgemeinerung. Was für einen Einzelnen gilt, gilt nicht automatisch für die Gesamtheit, weil der Einzelne die Reaktion der anderen als gegeben behandeln kann und die Gesamtheit das nicht kann.
Wer einen Finanzierungsüberschuss erzielen will, braucht jemanden, der die Gegenposition einnimmt. Diese Person kann im Inland sitzen oder im Ausland. Existieren und zahlungsfähig sein muss sie in jedem Fall.
Fuest hält den Vergleich zwischen Staat und privatem Haushalt ebenfalls für unzulässig und begründet das ausführlich. Seine Gründe sind andere. Der Staat sei nicht an einen Lebenszyklus gebunden, er könne Steuern erheben, und er habe eine Notenbank hinter sich. Der saldenmechanische Grund, weshalb die Analogie scheitert, taucht in der Aufzählung nicht auf.
Was die Saldenmechanik nicht sagt
Vier Abgrenzungen gehören dazu, weil der Saldenmechanik in Debatten regelmäßig Positionen zugeschrieben werden, die sie nicht enthält.
Sie ist erstens keine ökonomische Schule. Wolfgang Stützel, der den Begriff in den sechziger Jahren geprägt hat, war Mitglied des Sachverständigenrats. Die Identität der Sektorensalden findet sich in den Rechenwerken der Bundesbank, der EZB und des Statistischen Bundesamts. Der Streit beginnt erst bei der Interpretation der Salden.
Zweitens sagt sie nichts über Ursache und Wirkung. Dass der deutsche Leistungsbilanzüberschuss und der negative Saldo der übrigen Welt dasselbe Ereignis von zwei Seiten sind, besagt nichts darüber, was wovon verursacht wird.
Drittens folgt aus ihr keine Empfehlung dauerhafter Staatsdefizite. Das Gegenkonto zum Sparen der Haushalte kann der Staat sein, es können auch investierende Unternehmen sein oder ein Ausland mit negativem Saldo. In den fünfziger und sechziger Jahren war der deutsche Unternehmenssektor der Defizitsektor, weil er kräftig investierte, und der Staat war weitgehend ausgeglichen.
Viertens ist die Saldenmechanik eine Konsistenzbedingung und keine Wirkungsanalyse. Sie sagt nicht, wie sich eine politische Maßnahme auf die einzelnen Salden auswirkt, und auch nicht, ob eine Ausgabenkürzung den staatlichen Saldo überhaupt in der beabsichtigten Höhe verbessert. Ihr Nutzen liegt in der Prüfung, ob Aussagen über die Zukunft der Salden aufgehen.
Wie die deutschen Salden aussehen
Die Bundesbank weist die Salden in ihrer Finanzierungsrechnung aus. Die privaten Haushalte haben durchgängig hohe Überschüsse, 2025 rund 279 Milliarden Euro. Die Unternehmen einschließlich der Finanzunternehmen, die man sich als den investierenden und deshalb verschuldeten Sektor vorstellt, sind ebenfalls Überschusssektor, wenn auch mit stark schwankenden Beträgen und zuletzt nur noch gut elf Milliarden. Der Staat weist Defizite aus, 2025 rund 119 Milliarden. Die Nettokreditgewährung an die übrige Welt, in der Zahlungsbilanz weitgehend der Leistungsbilanzüberschuss, betrug 171 Milliarden.
Der positive Block ist in jedem Jahr genauso hoch wie der negative. Anders kann es nicht sein.
Das Jahr 2019 zeigt die Mechanik am deutlichsten. Damals sparten private Haushalte, Unternehmen und Staat gleichzeitig, der Staat allein 47 Milliarden Euro. Möglich war das ausschließlich, weil das Ausland gegenüber Deutschland mit 271 Milliarden ins Minus ging. Der gesamtstaatliche Überschuss, politisch als schwarze Null gefeiert, war ohne den Außenüberschuss rechnerisch nicht zu haben.
Eine zweite Beobachtung betrifft die Gegenwart. Der Auslandssaldo ist von 223 Milliarden im Jahr 2024 auf 171 Milliarden gefallen. Im Frühjahrspaket 2025 hat die Europäische Kommission Deutschland aus der Einstufung im Verfahren bei einem makroökonomischen Ungleichgewicht herausgenommen, in dem es seit 2014 wegen dieses Überschusses geführt worden war. Sie fügte allerdings hinzu, die zugrunde liegende Lücke zwischen Ersparnis und Investitionen habe sich nicht grundlegend verändert.
Wohin sich die Verbesserung verlagert
Damit lässt sich die Ausgangsfrage stellen. Soweit das Programm den Finanzierungssaldo des Staates gegenüber dem bisherigen Pfad tatsächlich verbessert, müssen sich die Salden der privaten Haushalte, der Unternehmen und des Auslands zusammengenommen im gleichen Umfang verschlechtern, gemessen an dem Verlauf, den sie ohne das Programm genommen hätten. Ein anderer Ausgang ist arithmetisch nicht vorgesehen.
Hier greift der Punkt aus dem ersten Teil. Ein Sektorensaldo kann sich verschlechtern, weil der Sektor mehr ausgibt, und er kann sich verschlechtern, weil er weniger einnimmt. Die öffentliche Debatte hat dabei fast nur den ersten Fall im Blick. Sie fragt, ob die Unternehmen wieder investieren und ob die Haushalte wieder konsumieren, also ob die anderen Sektoren freiwillig in die Rolle des Defizitsektors gehen. Der zweite Fall braucht keine Freiwilligkeit, er stellt sich ein, wenn Einnahmen wegfallen.
Was also wäre zu erwarten? Der Beitrag lässt die Frage offen, aber die beiden Posten des Szenarios sind konkret genug, um sie zu beantworten. Das Szenario ist als Beispiel deklariert, doch es ist das einzige, das der Beitrag konkret macht, und an ihm lässt sich zeigen, was für jedes ausgabenseitige Programm dieser Größenordnung gilt: Die Kürzung muss als Einnahmeausfall irgendwo ankommen.
Erstens: die Kürzung der Finanzhilfen
Finanzhilfen des Bundes sind zum größten Teil Einnahmen von Unternehmen, daneben fließen sie in Wohnungsbau und Gebäudeförderung, also teilweise an private Haushalte. Werden sie um sechzig Prozent gekürzt, verlieren die Empfänger Mittel in dieser Höhe.
Wie sich der Ausfall auf die Sektorensalden verteilt, hängt von den Reaktionen ab, und keine davon führt nach oben. Führt ein Unternehmen das geförderte Vorhaben fort und finanziert es selbst, verschlechtert sich sein Saldo. Gibt es das Vorhaben auf, entfallen Investition und Nachfrage, und der Einnahmeausfall wandert zu den Auftragnehmern weiter. In beiden Fällen kommt die Kürzung als wegfallende Einnahme in der Wirtschaft an, nur an verschiedenen Stellen.
Eine Gegenbewegung ist in der Rechnung nicht angelegt. Das eingesparte Geld senkt die Neuverschuldung, es fließt nicht als Steuer- oder Abgabensenkung zurück. Dasselbe Geld kann nicht zugleich das Defizit abbauen und die Unternehmen entlasten.
Zweitens: die Entkopplung der Renten
Werden die Rentenanpassungen künftig an die Inflation statt an die Löhne gekoppelt, fallen die Renteneinkommen Jahr für Jahr weiter hinter die Lohnentwicklung zurück. Im Szenario trägt das zur Entlastung der öffentlichen Haushalte bei. Wie sich die geringeren Rentenausgaben auf Beitragssatz, Bundeszuschuss und Neuverschuldung verteilen, legt der Beitrag allerdings nicht offen, und ebenso bleibt unbestimmt, ob künftige Beitrags- oder Steuererhöhungen vermieden würden und wen das entlastete.
Gegenüber dem Pfad, den die Renten sonst genommen hätten, verlieren die privaten Haushalte damit Einkommen. Bei kleinen Renten schlägt das unmittelbar auf den Konsum durch, weil dort kaum Spielraum zum Sparen besteht.
Geringerer Konsum ist wiederum ein Einnahmeausfall bei Unternehmen. Die zweite Maßnahme kommt also mit einer Verzögerung an derselben Stelle an wie die erste.
Das außenwirtschaftliche Ventil
Offen ist noch der dritte Sektor, die übrige Welt, und über ihn führt die historisch eingeübte Route. Das deutsche Geschäftsmodell der vergangenen zwei Jahrzehnte verband die Zurückhaltung im Innern mit der Expansion nach außen. Auf die Lohnzurückhaltung der zweitausender Jahre folgten die großen Überschüsse, auf die Überschüsse folgte die schwarze Null. Sparen im Inland funktionierte, weil das Ausland die Nachfrage lieferte, die im Inland fehlte.
Die historischen Vorbilder des Beitrags beruhen auf demselben Mechanismus. Fuest erklärt den irischen Fall selbst so: Die sinkende heimische Nachfrage sei durch steigende Exporte ausgeglichen worden. Für Schweden, Finnland und Kanada gilt dasselbe Muster, jeweils nach einer Abwertung oder in einen fremden Boom hinein. In jedem Erfolgsfall stand draußen jemand bereit, der kaufte.
Der Saldo gegenüber der übrigen Welt kann sich allerdings auf zwei Wegen verschlechtern, und die Unterscheidung aus dem ersten Teil gilt auch hier. Entweder Deutschland verkauft mehr nach draußen, dann muss dort jemand kaufen wollen. Oder Deutschland kauft weniger von draußen, dann muss niemand bereitstehen, und die Anpassung läuft über die Einnahmeausfälle der Handelspartner.
Der erste Weg ist der, den die Vorbilder gegangen sind, und er ist an allen drei Fronten zugleich erheblich enger geworden.
Die Vereinigten Staaten haben ihr Handelsdefizit zum zentralen Gegenstand ihrer Wirtschaftspolitik gemacht und beantworten es mit Zöllen. Auf den größten Defizitträger der Welt als Abnehmer zusätzlicher deutscher Überschüsse lässt sich nicht mehr bauen; er arbeitet daran, die vorhandenen zu verkleinern.
China war lange der Markt, auf dem deutsche Überschüsse wuchsen. Inzwischen drängt es mit Autos, Maschinen und Anlagen in das gehobene Produktspektrum, in dem diese Überschüsse verdient wurden, steuert seine Importe politisch und nimmt Deutschland auf den Drittmärkten Anteile ab, die bisher die Bilanz trugen. Der Absatzmarkt ist geblieben, der Wettbewerber ist hinzugekommen.
Bleibt Europa, wohin rund siebzig Prozent der deutschen Exporte gehen. Dessen große Volkswirtschaften sollen nach derselben Analyse zur selben Zeit konsolidieren, der IWF sieht im europäischen Durchschnitt einen Bedarf ähnlicher Größenordnung. Gleichzeitige Konsolidierung dämpft in der Regel auch die Importnachfrage. Die Nachbarn, die den zusätzlichen deutschen Überschuss aufnehmen müssten, bekommen dieselbe Medizin verschrieben. Und wenn viele europäische Staaten gleichzeitig sparen, können sie ihre Nachfrageausfälle nicht wechselseitig durch Exporte ausgleichen; Europa als Ganzes müsste dann seinen Überschuss gegenüber der übrigen Welt steigern – was angesichts der beschriebenen Strategien der USA und China auf Hindernisse trifft.
Fuest liefert die Bestätigung, ohne die Folgerung zu ziehen. Er nennt geopolitische Konflikte und Protektionismus als Kräfte, die den Welthandel untergraben, und rechnet deshalb mit schwachem Wachstum. Das trifft zu, und es beschreibt zugleich die Erschwerung des Exportwegs, auf dem seine Vorbilder ihren Erfolg erzielten.
Bleibt der zweite Weg. Bricht die deutsche Binnennachfrage ein, sinken die Importe, und der Saldo der übrigen Welt verschlechtert sich, ohne dass draußen jemand etwas gekauft hätte. Die Handelspartner tragen dann einen Teil der Anpassung über eigene Einnahmeverluste. Nur setzt dieser Weg genau das voraus, was ein gelingendes Programm vermeiden müsste, nämlich die schrumpfende Nachfrage im Innern. Aus der Anpassung führt er deshalb nicht heraus, er verlängert sie lediglich über die Grenze.
Das Risiko einer Spirale
Entsteht das Gegenkonto weder durch zusätzliche private Investitionen und Konsumausgaben noch durch exportgetragene Nachfrage, verläuft die Anpassung im Inland über die Einnahmenseite. Die Unternehmen verlieren die gekürzten Finanzhilfen und den Konsum, der aus den zurückbleibenden Renten ausfällt.
Ein Sektor, dessen Einnahmen wegbrechen, wird versuchen, seinen Saldo zu verteidigen. Unternehmen können darauf mit geringeren Investitionen, Druck auf die Löhne oder Beschäftigungsabbau reagieren. Jede dieser Reaktionen senkt die Einkommen der privaten Haushalte ein weiteres Mal, damit auch deren Konsum und in der nächsten Runde wieder die Einnahmen der Unternehmen. Mit den Einkommen sinken auch die Importe. Das Gegenkonto des Auslands entsteht dann tatsächlich, als Begleiterscheinung des Abschwungs.
Der Staat steht dabei nicht außerhalb. Sinkende Einkommen und Gewinne bedeuten sinkende Steuereinnahmen, steigende Arbeitslosigkeit bedeutet steigende Sozialausgaben. Fuest verweist darauf, dass die ifo-Rechnung Konjunktureffekte berücksichtigt; welchen Multiplikator sie verwendet und was sie über Investitionen, Konsum und Außenhandel annimmt, legt der Beitrag nicht offen. Fallen die Rückwirkungen stärker aus als unterstellt, verbessert sich der staatliche Saldo um weniger als geplant, und wer am Ziel festhält, muss nachsparen. Damit beginnt dieselbe Abfolge von vorn, eine Stufe tiefer. Südeuropa hat diese Treppe zwischen 2010 und 2015 hinabgespart. Griechenland führt beide Seiten des Vorgangs in einem Fall vor: Seine Leistungsbilanz näherte sich dem Ausgleich, weil die Importe mit den Einkommen einbrachen, und seine Schuldenquote stieg dennoch von rund 127 Prozent im Jahr 2009 auf über 175 Prozent, während das reale Bruttoinlandsprodukt um etwa ein Viertel schrumpfte und Bankenrettungen den Schuldenstand zusätzlich erhöhten. Die Quote hat einen Nenner, und der Nenner reagiert.
Was daraus folgt
Fuest will den Unternehmenssektor gewiss nicht schwächen, und die Saldenmechanik sagt eine solche Entwicklung auch nicht voraus. Sie zwingt aber zu der Frage, die der Beitrag unbeantwortet lässt: Durch welche Kombination aus einem sinkenden Überschuss der privaten Haushalte, geringeren Überschüssen der Unternehmen und einem steigenden deutschen Außenüberschuss soll das Gegenkonto zur staatlichen Konsolidierung entstehen? Wachstum und Strukturreformen könnten die Anpassung erleichtern. Fuest zeigt jedoch nicht, dass sie private Ausgaben rechtzeitig und in der erforderlichen Größenordnung mobilisieren. Entsteht das Gegenkonto stattdessen durch Einkommensverluste und sinkende Importe, wird die Binnennachfrage geschwächt, die Belastung teilweise ins Ausland verschoben und der fiskalische Ertrag kleiner. Die 225 Milliarden sind deshalb noch kein Sanierungsprogramm. Sie sind eine Zielzahl, deren gesamtwirtschaftliches Gegenkonto offen gelassen wird.
Entsteht das Gegenkonto überwiegend durch Einkommensverluste und Importkompression, wird das Programm selbst zu einem Teil des Risikos, vor dem es warnt.
Quelle des Schaubilds: Deutsche Bundesbank, Statistische Fachreihe Finanzierungsrechnung, Juni 2026, Tabelle I.1 (Datenstand April 2026). Unternehmen umfassen nichtfinanzielle und finanzielle Kapitalgesellschaften. Der Auslandssaldo entspricht der Nettokreditgewährung an die übrige Welt mit umgekehrtem Vorzeichen. Die Angaben für 2019 stammen aus der Ausgabe vom Juni 2025.
Transparenzhinweis:
Dieser Text ist im Dialog mit einem KI-Assistenten entstanden. Fragestellung, Argumentationslinie und die entscheidenden Weichenstellungen stammen von mir, die Textfassungen haben wir in mehreren Runden wechselseitiger Kritik erarbeitet. Die KI hat zudem das Schaubild erstellt. Geprüft und verantwortet habe ich den Text selbst.


Das Ergebnis für die nächsten Jahre ist m.E. ziemlich eindeutig. Außenwirtschaftlich wird nichts kommen eher im Gegenteil. Wichtige deutsche Exportindustrien schrumpfen gerade. Bestenfalls sind sie dann irgendwann soweit geschrumpft, dass von ihren Exporten zumindest kein Negativeffekt mehr ausgeht. Auch der Wachstumsbeitrag der Staatsnachfrage wird gering sein, wegen der Konsolidierung ,die die Bundesregierung plant. Beim privaten Konsum sind die Leute völlig verunsichert. Und Investitionen? Zinsen wird die EZB kurzfristig eher noch weiter erhöhen und die Regierung hat der Wirtschaft auch noch zu verstehen gegeben, dass Investitionen in Klimaschutz jetzt erstmal nicht mehr so wichtig sind. Also tatsächlich wäre meine größte Hoffnung noch, dass die Exportindustrien bald soweit unten sind, dass sie das Positive des Restes nicht komplett überdecken. Real ist das BIP seit 2019 um 0,3% gewachsen, die Inlandsnachfrage aber um 4,2%. Meine positive Lesart wäre also: Deutschland vollzieht jetzt den Übergang zu einer weniger auf Export ausgerichteten Volkswirtschaft. Und in der Übergangsphase wird das Wachstum deswegen gering ausfallen.
Warum verstehen das so wenige Unternehmen(sverbände)? Besonders diejenigen, die von heimischer Konsumnachfrage abhängen? Eigentlich müssten die doch klare Gegner der staatlichen Konsolidierungspolitik sein.